
Frauenklinik
Standort: Grafenstraße 9
Baujahr: 1952-54
Architekt: Otto Bartning
Baustil: Nachkriegsmoderne
Die Frauenklinik war nach nur zwei Jahren Bauzeit der erste fertiggestellte Meisterbau und galt seinerzeit als eines der fortschrittlichsten Krankenhäuser Westdeutschlands. Der Architekt Otto Bartning war überzeugt, dass nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die Architektur selbst zur Heilung der Patientinnen beitragen kann und setzte in seiner Gestaltung vor allem auf Licht, Luft und Sonne.

Ein zentraler Klinikbau, der verbindet
Für die Frauenklinik erarbeitete Bartning, der bereits über Erfahrung im Klinikbau verfügte, ein über das Gebäude selbst hinausgehendes, umfassendes Baukonzept. Da sich auf dem Klinikgelände noch einige Gebäude befanden, die erhalten bleiben sollten, sollte die Frauenklinik eine Verbindung zwischen ihnen schaffen und so Ordnung und Struktur in das Areal bringen. Hierfür plante Bartning eine dreiteilige Gebäudegruppe, bestehend aus der Frauenklinik, einem Operationstrakt sowie der Chirurgie. Letztere sollte jedoch erst in einem zweiten Bauabschnitt realisiert werden, sodass der Fokus zunächst auf den beiden anderen Gebäudeteilen lag.
%20Bartningsplan%20f%C3%BCr%20Chirurgie-bearbeitet%20HWH.jpg)
Abb. 1: Entwurfsplan Bartnings für das Krankenhausgelände, rot markiert die Frauenklinik sowie der daran angrenzende gebogene Operationstrakt.
.jpg)
Abb. 2: Der Patienteneingang im Süden mit davorliegender Gartenanlage.

Die sechsstöckige Frauenklinik umfasste fünf Stationen mit je 37 Betten, wobei für jede Station eine eigene Etage vorgesehen war. Aufgegliedert in zwei Funktionsbereiche, befanden sich in allen Stockwerken mit Blick auf den Garten die Patientinnenzimmer, während im straßenseitigen Bereich entlang der Bismarckstraße die Versorgungsräume untergebracht waren. Die mittigen Flure im Inneren des Gebäudes unterstreichen diese klare Trennung zusätzlich. Der vierstöckige Operationstrakt wurde in gebogener Form an den Klinikbau angeschlossen und nach Überarbeitung der Pläne durch Peter Grund in den späten 1950er Jahren durch einen chirurgischen Flügel erweitert. An der Schnittstelle zur Frauenklinik befinden sich im Inneren das zentrale Treppenhaus sowie die Personen- und Bettenaufzüge. Der Eingang über die Gartenanlage war dabei ausschließlich für Patientinnen und Besucher vorgesehen, wohingegen der auf der Straßenseite gelegene Eingang für Krankentransporte und Versorgungslieferungen genutzt wurde. Die auch hier erkennbare Trennung der Funktionsbereiche stellte an dieser Stelle zugleich sicher, dass sich die Benutzerströme nicht vermischten oder gar behinderten. Die im Kellergeschoss befindlichen Räume dienten als Funktions- und Lagerflächen, zugleich befanden sich hier auch Säle für Notoperationen. Unterirdische Gänge verbinden die Frauenklinik mit den übrigen Krankenhausgebäuden.
Abb. 3: Die Nordfassade verläuft entlang der Bismarckstraße.
Moderne Architektur für die Genesung
Bartning verstand die Gestaltung der Frauenklinik als Bestandteil der medizinischen Versorgung und setzte in seinem Entwurf auf Licht, Luft und die Nähe zur Natur. So war er überzeugt, „nicht nur die Ärzte, sondern auch die Architektur eines Krankenhauses soll heilen helfen“ . Damit stellte er den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt und richtete die Gestaltung seiner Gebäude konsequent an diesen aus. Dies zeigte sich auch in der Konzeption der Krankenzimmer, die als nahezu quadratische, offene Räume angelegt wurden, in denen zwei, vier oder sechs Betten standen. Die großen, nach Süden gelegenen Fenster waren mit ihren schmalen Brüstungen nahezu raumhoch und öffneten den Blick auf die Gartenanlage. So schufen sie eine direkte Verbindung zur Natur und sorgten zugleich für ausreichend Tageslichteinfall und Luftzirkulation. Ein wesentlicher Schwerpunkt war zudem der Schallschutz, der neben geräuschabsorbierenden Bodenbelägen auch durch tiefe Einbauschränke umgesetzt wurde und seinerzeit als einer der fortschrittlichsten in Europa galt. Als besonderes Element galt zudem die Deckenheizung, die ebenfalls als technische Innovation bewertet wurde. Die Wandgestaltung war von hellen Farben und abwaschbaren Tapeten geprägt. Bartning entwarf zudem eigens für die Frauenklinik Krankenhausbetten, die sich in die Gestaltung der Innenräume einfügten.
1

Abb. 4: Raumtiefe Fenster sorgten für Licht und Luft in den Patientenzimmern.

Abb. 5: Die integrierten Wandschränke waren Teil des innovativen Schallschutzkonzeptes.

Abb. 6: Zur Förderung der Genesung bot jedes Patientenzimmer einen Blick ins Grüne.
Fassadenstruktur mit Raumbezug
Die Außenfassade der Frauenklinik griff die Raumaufteilung aus dem Inneren auf und so ragten an der Südseite die größeren Mehrbettzimmer aus ihr heraus. Vertikale Streben trennten die einzelnen Zimmer optisch voneinander und ließen die Gliederung klar erkennen. Die Zimmer in der oberen Etage verfügten über Balkone, wobei die Jalousien und Markisen als weitere Gestaltungselemente der Fassade dienten. Im zurückgesetzten Dachgeschoss befanden sich die Schwesternzimmer. Zudem diente ein verglaster Aufbau als Aufzugsmaschinenraum und überdachter Freisitz. An der Ostseite des Baus befand sich ein weiterer Eingang. Auch hier wurden die Eckzimmer mit Balkonen ausgestattet, deren Böden bzw. Decken aus Glasbausteinen bestanden. Wie die Balkone an der Südseite, boten auch sie einen Blick auf die davorliegende Gartenanlage. Die unterschiedlichen Zimmertiefen finden sich auch an der Nordseite, wo die wichtigsten Operationssäle im Rundbau ebenfalls hervortraten. Das vollständig verglaste Treppenhaus markierte zusammen mit dem später ergänzten Aufzugsturm den Übergang vom Rundbau zur Frauenklinik
2


Otto Bartning
1883-1959
-
Deutscher Architekt und Mitbegründer des Deutschen Werkbunds
-
Präsident des Bundes Deutscher Architekten (1951-1959)
-
Bedeutender Vertreter der Moderne und des Kirchenbaus
-
Mitbegründer des Bauhauses
-
Vertreter einer funktionalen, sozial-orientierten Architektur
Abb. 16: Otto Bartning.
„Modern vom Keller bis zum Dachgeschoss“
2
So titelte die Frankfurter Rundschau nach Einweihung der Frauenklinik im August 1954 und beschrieb sie als einen „Bau nach den modernsten architektonischen und medizinischen Gesichtspunkten“, der „die üblichen Krankensäle […] durch freundliche, luftige Räume ersetzt.“ Diese positive Resonanz fand sich auch vielfach in der Lokalpresse, die mitunter lobend davon schrieb, dass „bei allem an das Wohl der Patienten gedacht“ und „erfolgreich versucht wurde, Schönheit mit Zweckmäßigkeit, mordernste Technik mit althergebrachter Erfahrung zu vereinen.“ Doch auch überregionale Zeitungen sowie die Fachpresse berichteten ausgiebig über „die modernste Frauenklinik Deutschlands, den Otto-Bartning-Bau in Darmstadt“ . International wecke der Bau ebenfalls Interesse. So gab es aus dem Ausland Anfragen nach den Planungsunterlagen und eine schwedische Delegation aus Parlamentariern, Architekten und Ärzten kam nach ihrem Besuch zu dem Ergebnis: „Das ist wirklich ein Meisterbau!“
3
4
5
6

Abb. 17: Die Säuglingsstation 1959.
Abb. 17: Die Säuglingsstation 1959.

Abb. 18: Der Aseptische Operationssaal 1959.
Die Frauenklinik heute

Die Frauenklinik wurde als einziger Meisterbau ihrem ersten Entwurf entsprechend umgesetzt und steht seit 1986 unter Denkmalschutz. Sie wird heute nicht mehr für den medizinischen Betrieb genutzt. Umfassende Brandschutz- und Sicherheitsmaßnahmen sowie grundlegende technische Neuerungen wären nötig, um aktuelle Auflagen zu erfüllen. Zugleich würde dies einen massiven Eingriff in die denkmalgeschützte Bausubstanz bedeuten – ein Vorhaben, das mit erheblichen finanziellen Aufwänden verbunden wäre.
Abb. 19: Frauenstatue in der Gartenanlage.

Die nachfolgenden Bilder zeigen einen Vergleich von damals und heute.
Durch Überfahren mit dem Mauszeiger kann zwischen den jeweiligen Aufnahmen gewechselt werden.

.jpg)
Abb. 20/21: Die Frauenklinik von außen.


Abb. 22/23: Stationsflur.


Abb. 24/25: Krankenzimmer auf der Privatstation.
Licht, Kamera, Action!
Das Nachfolgende Video ist ein CAD-Modell der Frauenklinik. Entstanden ist das Video im Rahmen der Ausstellung
„Architektur der fünfziger Jahre - Die Darmstädter Meisterbauten“, die vom 27.01. bis 01.03.1998 in der Kunsthalle Darmstadt stattfand. Urheberin ist die Technische Universität Darmstadt, FG Digitales Gestalten.
CAD-Modell der Frauenklinik, erstellt von: Gerd Bartochik / Florian Stuckenberg, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.
1: Reinhold-Postina, Eva/ Heiss, Nikolaus: Darmstädter Architekturgeschichte. Die Architektur der fünfziger Jahre, Band 5, Darmstadt 1990, S. 69.
2: Modern vom Keller bis zum Dachgeschoss, in: Frankfurter Rundschau, 30.08.1954. StadtA DA, Best. 62, Nr. 160/2 Frauenklinik.
3. Ebd.
4: Bei allem an das Wohl der Patienten gedacht, in: Darmstädter Tagblatt, 09.07.1954. StadtA DA, Best. 62, Nr. 160/2 Frauenklinik.
5: Modernste Frauenklinik, in: Welt der Arbeit Köln, 20.05.1955. StadtA DA, Best. 62, Nr. 160/2 Frauenklinik.
6: „Das ist tatsächlich ein Meisterbau“, in: Darmstädter Echo, 31.01.1955. StadtA DA, Best. 62, Nr. 160/2 Frauenklinik.








