
Ledigen-wohnheim
Standort: Pützerstraße 6
Baujahr: 1952-55
Architekt: Ernst Neufert
Baustil: Nachkriegsmoderne
Das Ledigenwohnheim in der Pützerstraße, in unmittelbarer Nähe zur Mathildenhöhe, wurde zunächst für alleinstehende Berufstätige sowie im Weiteren auch für junge Ehepaare sowie Familien konzipiert und sollte die Wohnungsnot in den Nachkriegsjahren lindern. Geplant von Ernst Neufert, erfolgte die Umsetzung durch den Bauverein für Arbeiterwohnungen.

Funktionalität auf engstem Raum
Ledigenwohnheim
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Neufert, der bereits während des Krieges unter Förderung der NS-Führung Erfahrung im Wohnungsbau sammelte, gestaltete für das Meisterbauten-Projekt das Ledigenwohnheim nach den Vorgaben der Stadtverwaltung. Das Ziel war es, auf begrenztem Raum funktionale und zugleich lebenswerte Wohnbedingungen zu schaffen. Hierfür konzipierte Neufert die Wohnungen so, dass sie möglichst identisch und reproduzierbar waren. So waren zunächst auf fünf Etagen 25 Zweibettzimmer zu 16 qm und 40 Einbettzimmer zu 12,8 qm vorgesehen. Im Laufe des Projekts wurden diese Vorgaben um weitere 74 Wohneinheiten ergänzt, wobei neben Alleinstehenden nun auch junge Ehepaare und Familien in das Gebäude einziehen sollten.
Abb. 1: Neuferts ursprünglicher Entwurf für das Ledigenwohnheim.
Ergänzend zu den Wohnräumen sollten ein Restaurant mit zehn angeschlossenen Hotelzimmern, eine Wäscherei, zwei Läden sowie eine Dachterrasse entstehen. Hierfür wandelte Neufert seine ursprünglichen Pläne leicht ab und konzipierte einen aus vier kubischen Baukörpern bestehenden drei-, vier- und achtgeschossigen Bau. Die Baukörper bilden gemeinsam einen offenen Hofraum, in dem sich Parkplätze und Garagen befinden. Die Appartements selbst bestanden aus einem Vorraum, von dem aus man, abgetrennt durch einen Vorhang, in den Wohnraum mit separater Schlafnische gelangte. Dahinter befanden sich das Badezimmer mit Sitzwanne sowie die Küche. Um den knappen Raum bestmöglich zu nutzen, setzte Neufert auf platzsparende Elemente wie Klappbetten und Einbauschränke. Auch die technische Ausstattung war durchdacht und entsprach modernsten Standards:
„Technisch gesehen sind die Wohnungen ein kleines Wunderwerk neuzeitlicher Gestaltung. Die Räume sind mit Decken-Strahlenheizung ausgestattet, so daß die Mieter keine Sorgen mehr mit Kohlenstaub oder zu trockener Zentralheizungs-Luft haben. Und die Einbauküchen! Es ist an alles gedacht. Ein zweiflammiger Elektro-Herd ist da, eine Heißwasser-Anlage, der Kühlschrank ist eingebaut, und die Wandschränke sind so angeordnet, daß es sich in der Küche rationell arbeiten läßt. Und das Praktischste: die Küchenluft wird elektrisch abgesaugt.“
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Abb. 2: Im Erdgeschoss befand sich als Einkaufsmöglichkeiten ein Konsum-Markt.
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Abb. 3: Das platzsparende Raumkonzept sollte zugleich möglichst viel Komfort bieten.
Zwischen Bauhaus und Nachkriegsmoderne
Das Ledigenwohnheim lehnt an Neuferts Wohnungsbauentwürfen aus den 1920er-Jahren an und weist typische Merkmale dieser Bauepoche auf. Als ehemaliger Schüler des Bauhauses setzte Neufert auf eine strenge, schlichte Form, die die Funktionalität des Baus unterstreicht. Für die Gestaltung der streng gegliederten Außenfassade kamen dunkelrote Klinkerbausteine zum Einsatz, die im Kontrast zum hellen Beton der Balkone stehen. Weitere Akzente setzen das vollständig verglaste Treppenhaus sowie die markanten, runden Fenster über dem Restauranteingang. Bestehend aus Stahlbeton, wird das Ledigenwohnheim durch ein tragendes Mauerwerk ergänzt, das zugleich dem Schallschutz dient. Die großen Fenster sorgen für


Abb. 4/5: Die markante Klinkerfassade wird durch das verglaste Treppenhaus und die hellen Betonbalkone aufgelockert.
Tageslichteinfall in den Wohnungen und Trennwände auf den Balkonen schaffen Privatsphäre zur benachbarten Wohneinheit. Ursprünglich plante Neufert, das Ledigenwohnheim als eine Art „‚städtisches Ferienheim‘“ zu konzipieren und die Appartements nicht gegenüberliegend anzuordnen, um durch einen belichteten Korridor mehr Offenheit zu schaffen. So wären die Wohnungen zwar von den danebenliegenden Appartements umschlossen, nach vorne und hinten jedoch freiliegend gewesen. Diese Pläne wurden im Zuge der oben erwähnten Raumerweiterung verworfen und durch einen mittig verlaufenden Flur ersetzt, an den die Wohnungen beidseitig angrenzen.
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Ernst Neufert
1900-1986
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Deutscher Architekt und Architekturtheoretiker
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Vertreter der funktionalen Moderne und des „Neuen Bauens“
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Professor an der TH Darmstadt
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Autor des 1936 erschienen Standardwerks „Bauentwurfslehre“
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Schwerpunkt: Wohnungs- und Industriebau
Abb. 6: Ernst Neufert.
Umfassende Sanierung für ein modernes Wohnen
Bereits in den 1970er und 1980er Jahren kam es zu ersten baulichen Anpassungen. So wurden die Hotelzimmer zu Wohnungen umgebaut, die Wäscherei geschlossen und eine erste Sanierung der Außenfassade vorgenommen, da insbesondere „die Balkons des Klinkerbaus [...] derart gravierende Schäden auf[weisen], daß sie gründlich instandgesetzt werden müssen. […] Der als unverwüstlich geltende Beton ist porös und brüchig geworden.“ Ab 1999 wurden dann aufgrund rückläufiger Nachfrage, Mängel an der Bausubstanz sowie veränderter Sicherheitsauflagen umfassende Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen vorgenommen. Um die Appartements zeitgerecht zu gestalten, wurden die kleinen Einzimmerwohnungen zu insgesamt 82 größeren Wohneinheiten zusammengefasst, wodurch zum Teil Maisonettewohnungen entstanden. Zusätzlich wurde das zuvor ungenutzte Dachgeschoss zu Penthouse-Wohnungen umgebaut. Die Sanierung umfasste darüber hinaus die Modernisierung von Sanitäranlagen und Küchenbereiche, ebenso wie den Ausbau von Brand- und Schallschutzmaßnahmen. Ferner wurde das Gebäude um einen modernen Aufzugsschacht erweitert und das Betontragewerk saniert. Neben diesen umfassenden Modernisierungsmaßnahmen blieb der ursprüngliche Zuschnitt einiger Wohnungen erhalten. So wurden unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes sechs Einzimmerwohnungen in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, um das historische Wohnkonzept zu bewahren.
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Abb. 7/8: Im Zuge der umfassenden Sanierungen entstanden im Dachgeschoss Penthouse-Wohnungen.
Licht, Kamera, Action!
Das Nachfolgende Video ist ein CAD-Modell des Ledigenwohnheims. Entstanden ist das Video im Rahmen der Ausstellung „Architektur der fünfziger Jahre - Die Darmstädter Meisterbauten“, die vom 27.01. bis 01.03.1998 in der Kunsthalle Darmstadt stattfand. Urheberin ist die Technische Universität Darmstadt, FG Digitales Gestalten.
CAD-Modell des Ledigenwohnheims, erstellt von: Thomas Remdisch / Fritz Göran Vöpel, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.
1: 250 Menschen ziehen in das neue Wohnheim ein, in: Darmstädter Tagblatt, 14.07.1955. StadtA DA, Best. 62, Nr. 11L Ledigenwohnheim.
2: Zitiert nach: Karhausen, Eva: Ernst Neufert. Ledigenwohnheim, in: Bender, Michael/ May, Roland (Hgg.): Architektur der fünfziger Jahre. Die Darmstädter Meisterbauten, Stuttgart 1998, S.87-91, S. 87.
3: Am Beton der Bullenburg nagt der Rost, in: Darmstädter Echo, 02.08.1983. StadtA DA, Best. 62, Nr. 11L Ledigenwohnheim.