
Abb. 1: Aufnahme vom Luisenplatz einen Tag nach dem Luftangriff vom 11.09.1944.
Historischer Kontext
Darmstadt lag nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Trümmern. Im Zuge des Wiederaufbaus galt es nicht nur die zerstörten Gebäude neu zu errichten, die Stadt benötigte durch den Verlust des Regierungssitzes auch eine völlig neue Existenzgrundlage.

Darmstadt nach 1945
Darmstadt wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Insbesondere der Luftangriff in der Nacht vom 11. September 1944 vernichtete weite Teile der Stadt. Dies führte dazu, dass die Alliierten den zuvor hier angesiedelten hessischen Regierungssitz nach Ende des Krieges in das weniger stark beschädigte Wiesbaden verlegten. Damit stand Darmstadt vor einem tiefgreifenden Umbruch.
Die Stadt, die zuvor insbesondere durch ihr Beamten- und Verwaltungszentrum geprägt war, musste sich von Grund auf neu orientieren, um nicht in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Neben Wiesbaden als neuer Landeshauptstadt und Frankfurt als Finanzzentrum sollte Darmstadt nun auf Bestreben von Oberbürgermeister Ludwig Engel und Kulturreferent Wolfgang Steinecke zum kulturellen Mittelpunkt Hessens werden. Vor diesem Hintergrund besann man sich auf die künstlerischen Wurzeln der Stadt, die mit der Jugendstilbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Formsprache sowie bedeutende Bauwerke hervorgebracht hatte.
Der Wiederaufbau wurde als Chance gesehen, Darmstadt neu zu gestalten und künstlerische Aspekte verstärkt in den Fokus zu rücken. Hierzu wurden Anfang der 1950er-Jahre die „Darmstädter Gespräche“ geplant – ein interdisziplinäres Diskussionsforum, zu dem der Magistrat der Stadt Darmstadt sowie ein eigens gegründetes Komitee zahlreiche Künstler, Architekten und Intellektuelle einlud, um über die Zukunft der Stadt zu beraten und diese aktiv mitzugestalten. Otto Bartning, Leiter des zweiten Darmstädter Gesprächs und Architekt der Frauenklinik, formulierte dabei den Anspruch, dass „möglichst die repräsentativen Persönlichkeiten des zeitgenössischen Bauens mit den Projekten betraut werden.“
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Die Darmstädter Gespräche
Während sich das erste Darmstädter Gespräch (1950) noch mit dem grundsätzlichen, philosophischen Thema „Das Menschenbild unserer Zeit“ befasste, ging es im zweiten Gespräch „Mensch und Raum“ (1951) bereits um den konkreten Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt. Im Fokus standen vor allem kommunale Bauten wie Krankenhäuser, Kindergärten und insbesondere Schulen, denen als Orte der Erziehung hin zu demokratischem Denken eine Schlüsselfunktion zugesprochen wurde.


Abb. 15: Ansicht von Südosten auf die Mathildenhöhe, 1901.
Abb. 14: Ausstellungsplakat der Darmstädter Künstler-Kolonie, 1901.
Vorbild für die Gespräche war die Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ von 1901. Hier präsentierten junge Künstler der Jugendstil- und Reformbewegung auf der Mathildenhöhe eine neue, zukunftsgewandte Wohnkultur, die Leben und Kunst miteinander verbinden sollte. An diese künstlerische Tradition anknüpfend, sollten die Ideen der Jahrhundertwende nicht einfach nur kopiert, sondern weiterentwickelt werden. Das Ziel war es, wie schon 1901, ein Gefühl des Aufbruchs zu schaffen und die Stadt mit einer zeitgemäßen Architektursprache neu zu gestalten.
Von den späteren Meisterbau-Architekten nahmen Otto Bartning als Gesprächsleiter, Paul Bonatz, Peter Grund, Hans Scharoun, Franz Schuster, Rudolf Schwarz, Otto Ernst Schweizer und Hans Schwippert am zweiten Darmstädter Gespräch teil. Zusätzlich waren namhafte Vertreter aus Politik, Philosophie, Architektur und Kultur vertreten. So beteiligten sich an dem Diskussionsforum unter anderem der Darmstädter Oberbürgermeister Ludwig Engel und Kultusminister Ludwig Metzger, die Philosophen Martin Heidegger und José Ortega y Gasset, der hessische Ministerpräsident Georg-August Zinn, der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger sowie die Architekten und Hochschullehrern Egon Eiermann und Rudolf Steinbach.

Abb. 16: Bundespräsident Theodor Heuss (links) gemeinsam mit Oberbürgermeister Ludwig Engel und Peter Grund bei der Vorstellung von Grunds Stadthaus-Entwurf.

Abb. 17: Als Ausstellungsort wurde die Mathildenhöhe gewählt.
Das zweite Darmstädter Gespräch unter dem Titel „Mensch und Raum“ fand im Zuge der seit 1947 geplanten gleichnamigen Jugendstiljubiläumsausstellung statt, die sich mit der Baukunst von 1901 bis 1951 befasste und neben kunsthandwerklichen Objekten auch die Entwürfe der elf Meisterbauten präsentierte. Die Ausstellung war vom 04.08. bis 16.09.1951 auf der Mathildenhöhe zu sehen und zog in diesem Zeitraum über 12.000 Besucher an. Insbesondere der Besuch von Bundespräsident Theodor Heuss stellte einen besonderen Höhepunkt dar und er würdigte die Präsentation mit den Worten, dass sie „nicht nur zum Beschauen, sondern auch zum Nachdenken“ einladen würde. Insgesamt wurde die Architekturausstellung als großer Erfolg bewertet und anschließend auch in Berlin sowie Teilen Japans gezeigt.
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Abb. 18: Eingang zur Ausstellung „Mensch und Raum" mit den einleitenden Worten: Bauen ist eine Grundtätigkeit des Menschen. Der Mensch baut, in dem er Raumgebilde fügt und so den Raum gestaltet. Bauend entspricht er dem Wesen seiner Zeit. Unsere Zeit ist die Zeit der Technik. Die Not unserer Zeit ist die Heimatlosigkeit.

Abb. 19: Rundgang durch die Ausstellung.
Die öffentliche Debatte um die Meisterbauten
Diese positive Resonanz spiegelte sich auch in der zeitgenössischen Presse wider und zahlreiche überregionale Zeitungen würdigten das Meisterbauprojekt als wegweisendes Vorhaben des deutschen Wiederaufbaus. So bezeichnete der Südkurier aus Konstanz das Projekt als ebenso einzigartig und beispielhaft wie die Darmstädter Künstlerkolonie-Ausstellung von 1901 und die Berliner Neue Zeitung urteilte, dass mit den Meisterbauten „Darmstadt ein Beispiel der Zusammenarbeit von Verwaltung und Bauen, von Staat, Stadt und Kultur gegeben [hat], das für ganz Deutschland gilt.“ Trotz der breiten Zustimmung war das Projekt nicht unumstritten. Zwar wurde Bartnings Anliegen entsprochen und die Stadt beauftragte ausschließlich renommierte, freischaffende Architekten mit der Planung der Bauten. Diese Auswahl wurde anschließend jedoch zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen und löste unterschiedliche Vorbehalte gegenüber dem Vorhaben aus.
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Die nominierten Architekten waren zu dieser Zeit bereits etablierte Größen, die ihre berufliche Laufbahn schon vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatten. Der Altersdurchschnitt lag somit bei rund 60 Jahren, wohingegen die Künstler der Reformbewegung von 1901 im Schnitt etwa 25 Jahre alt waren. Dieser deutliche Unterschied fand öffentliche Beachtung und ließ Zweifel aufkommen, ob aus der langjährigen Erfahrung tatsächlich die erhofften innovativen und zukunftsgerichteten Ergebnisse entstehen würden. Zudem hatten die Architekten mit Ausnahme von Bartning, Schuster und Dudok bislang keine Bauten vorzuweisen, die ihren Projekten entsprachen, und galten in diesem Zusammenhang nicht als „Meister“ auf diesem Gebiet. Der von der Lokalpresse geprägte Begriff „Meisterbauten“ wurde daher sowohl von Zeitgenossen als auch von den Beteiligten selbst kritisch gesehen, setzte sich letztlich jedoch als prägnante Bezeichnung für das Bauvorhaben durch.

Abb. 20: Hans Schwippert (Mitte) erläutert seinen Entwurf der Georg-Büchner-Schule beim Besuch von Bundespräsident Theodor Heuss (links).
Ein weiterer Einwand war zudem die fehlende Einbindung heimischer Architekten. Besonders deutlich formulierte dies der Lokalredakteur Hans J. Reinowski im Darmstädter Echo: „Was soll man z. B. von seiner Planung zur Darmstädter Ausstellung halten, zu deren Wettbewerb, neben 10 auswärtigen Architekten, sage und schreibe ein – ein! – Professor der Technischen Hochschule und kein einziger – kein einziger – ortsansässiger einheimischer Architekt eingeladen wurde.“ Als Reaktion auf diese Vorbehalte entschied man sich seitens der Stadt schließlich, weitere Bauvorhaben sowie die Bauausführung der Meisterbauten an lokale Architekten zu übertragen, sodass letztlich nur noch die Planung bei den „Meistern“ selbst lag.
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Abb. 21/22: Die Planungsaufträge der Stadt Darmstadt für die Meisterbauten.
1: Brief von Peter Grund an Otto Ernst Schweizer, 27.2.1951, zitiert nach: Herbig, Bärbel: Die Meisterbauten. Renommierte Architekten planen für Darmstadt, in: Bender, Michael/ May, Roland (Hgg.): Architektur der fünfziger Jahre. Die Darmstädter Meisterbauten, Stuttgart 1998, S. 10-22, S. 13.
2: Frankfurter Neue Presse, 17.9.1951, zitiert nach: Ebd., S. 18.
3: Südkurier, Konstanz, 15.8.1951 und Die neue Zeitung, Berlin, 10.8.1951, beides zitiert nach: Ebd., S. 18.
4: Darmstädter Echo, 19.2.1951, zitiert nach: Ebd., S. 15.











