top of page

Nicht-realisierte Meisterbauten

Von den ursprünglich elf geplanten Meisterbauten wurden sechs nicht realisiert. Diese sollen im Folgenden kurz angerissen werden. Obwohl die Projekte letztlich vorwiegend aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt wurden, geben ihre Entwürfe einen weiteren Einblick in die damaligen Vorstellungen über den Wiederaufbau Darmstadts und den Anspruch der Stadt, sich nach

dem Zweiten Weltkrieg als kulturelles Zentrum Hessens zu etablieren.

Bonatz - Tonhalle.jpg

Tonhalle

Paul Bonatz (1877-1956)

Die von Paul Bonatz geplante dreigeschossige Tonhalle sollte auf dem Wilhelminenplatz, an Stelle des zerstörten Großherzoglichen Palais, entstehen. Entworfen im Stil des Neoklassizismus, sollte der Bau eine Stimmung der Festlichkeit vermitteln. Mittelpunkt des Entwurfs war ein repräsentativer Konzertsaal, der Platz für bis zu 1.200 Besucher bieten sollte. Angelegt wie ein Amphitheater, bei dem die Gäste einander ansehen können, sollte jeder Sitzplatz in dem durchgängig runden Muschelsaal gleichwertig sein. Das Saalparkett war mittig platziert, wobei sich der bewusste Verzicht von Rängen positiv auf die Akustik auswirkt hätte. Ergänzt wurde der Hauptsaal durch einen mittleren Konzertsaal mit rund 700 Plätzen sowie einen kleinen Kammermusiksaal für rund 300 Besucher. Die im Obergeschoss befindlichen Eingänge des mittleren sowie großen Saals wären über zwei repräsentative, runde Treppen erreichbar gewesen. Weiterhin sollte in einem angrenzenden Querbau neben dem Kammermusiksaal auch eine Musikschule in die Tonhalle einziehen. Geplant als repräsentativer Kulturort, hatte die Tonhallte im Vergleich zu den übrigen dringend benötigten Kommunalbauten weniger Priorität und wurde bereits in der Vorphase des Projekts verworfen.

Modell einer Tonhalle von Paul Bonatz.

Abb. 1: Die Tonhalle sollte auf dem Wilhelminenplatz errichtet werden.

Skizze des Hauptsaals, rund angelegt wie ein Amphitheater.

Abb. 2: Der runde Muschelsaal glich im Aufbau einem Amphitheater.

CAD-Modell der Tonhalle, erstellt von: Florian Stuckenberg, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.

Grundschule mit Kindergarten

Willem Marinus Dudok (1884-1974)

Der Niederländer Willem Marinus Dudok entwarf für ein geplantes Neubaugebiet an der Ecke Eschollbrücker-Straße/Bessunger Straße einen Grundschulbau mit angeschlossenem Kindergarten. Vorgesehen war ein langgestreckter, eingeschossiger Schulbau mit raumhoch verglasten Klassenräumen und Blick auf einen begrünten Innenhof. Jeder Klasse war zudem eine gepflasterte Außenfläche zugeteilt, die Freiluftunterricht ermöglichen sollte. Der in einem separaten Bau befindliche Kindergarten war ebenfalls großflächig verglast und bot großzügige Außenflächen für Freiluftangebote. Ergänzt wurde der Entwurf durch eine Aula für Sportunterricht und Kulturveranstaltungen. Im Fokus der Planung standen vor allem die Verbindung zur umgebenden Natur sowie der nahtlose Übergang zwischen Innen- und Außenbereich, der durch die konsequent offene Gestaltung sowie die großen Glasflächen erreicht werden sollte. Trotz mehrfacher Überarbeitungen wurde das Projekt aufgrund der hohen Kosten sowie ungeklärter Grundstücksfragen nicht realisiert. Stattdessen entstand hier später unter Planung der städtischen Bauverwaltung die Wilhelm-Leuschner-Schule.

Modell einer Grundschule mit Kindergarten von Willem Marinus Dudok.

Abb. 3: Große Glasflächen prägen die offene Gestaltung mit Nähe zur Natur.

CAD-Modell der Grundschule mit Kindergarten, erstellt von: Peter Ludwig / Jens Salzmann, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.

Stadthaus

Peter Grund (1892-1966)

Als Ersatz für das im Krieg zerstörte Rathaus entwarf der Darmstädter Oberbaudirektor Peter Grund ein neues Stadthaus, das auf Gelände des vorherigen Alten Palais direkt am Luisenplatz entstehen sollte. Für das Areal zwischen Luisenstraße und Wilhelminenstraße sowie zwischen Luisenplatz und Elisabethenstraße plante Grund ein neunstöckiges Gebäude in Y-Form. Hierin sollten sich die Diensträume der Magistratsmitglieder sowie Arbeitsplätze der städtischen Angestellten befinden. Dem Bau vorgelagert befand sich in mitten der kurzen Y-Schenkel der verglaste Sitzungssaal der Stadtverordneten. Grund legte bei seinem Entwurf großen Wert darauf, die im Stadthaus stattfindenden Lebens- und Arbeitsvorgänge sowie das demokratische Miteinander auch architektonisch sichtbar werden zu lassen. So setzte er auf Transparenz und öffentlich zugängliche Bereiche, die Offenheit und Bürgernähe symbolisieren und das Selbstverständnis einer demokratischen, offenen Stadtgesellschaft zum Ausdruck bringen sollten. Um die historische Platzfront zu erhalten, plante Grund an Stelle des ehemaligen Palais-Gartens eine große Grünanlage mit zwei repräsentativen Springbrunnen. Ein zweistöckiges Torgebäude hätte die Anlage zum Luisenplatz hin abgerundet. Zudem war vorgesehen, dass der Verkehrsverein sowie ein kleines Café hier einziehen. Trotz intensiver Diskussionen und mehrerer Überarbeitungen wurde das Projekt schlussendlich nicht umgesetzt. Nach dem Ende von Grunds Amtszeit wurden die Planungen für das Stadthaus eingestellt. Stattdessen entstand hier zwischen 1975 und 1977 das Luisencenter.

Modell eines Stadthauses in Y-Form von Peter Grund.

Abb. 4: Das neue Stadthaus sollte als Y-Bau direkt am Luisenlatz entstehen. 

Vogelperspektive auf das geplante Stadthaus und die umliegenden Gebäude der Darmstädter Innenstadt.

Abb. 5: Entwurfsplan für den Wiederaufbau der Darmstädter Innenstadt.

CAD-Modell des Stadthauses, erstellt von: Fritz Göran Vöpel, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.

Volksschule

Hans Scharoun (1893-1972)

Vogelperspektive auf die Skizze einer Volksschule von Hans Scharoun.

Der Entwurf von Hans Scharoun für eine Volksschule erfuhr bereits während seiner Entstehung große mediale Aufmerksamkeit und wurde auch über die deutschen Grenzen hinaus viel beachtet. Geplant war eine gegliederte Schulanlage für rund 800 Schüler mit getrennten Bereichen für Unter-, Mittel- und Oberstufe. Diese sollten jeweils in sich geschlossen sein und über eigene Freiflächen sowie Mehrzweckhallen verfügen. Verbunden wurden diese Bereiche durch einen Schulflur, den sogenannten „Weg der Begegnung“, in dem die Stufen aufeinandertreffen und sich austauschen konnten. Ein Gewächshaus sowie eine Gartenfläche sollten den Bau abrunden. Scharoun richtete die einzelnen Bereiche an den Bedürfnissen und Entwicklungsstufen der Kinder aus. So waren für die Unterstufe der Sechs- bis Neunjährigen kleine Klassen mit eigenen Freibereichen vorgesehen. Durch eine geschützte, höhlenartige Anordnung der Räume und eine warme, rötliche Farbgebung sollte ein Gefühl von Geborgenheit entstehen. Im Mittelpunkt standen dabei das Spiel und die Entwicklung des Sozialverhaltens. Die Mittelstufe der Neun- bis Zwölfjährigen verfüge nach Auffassung Scharouns hingegen über ein ausgeprägteres Verständnis, das vor allem durch Vergleiche zustande komme. Ihnen sollten Disziplin und Ordnung vermittelt sowie das Urteilsvermögen geschärft werden. In den Räumlichkeiten kamen hierfür vor allem Grüntöne zum Einsatz. Die Oberstufe der Zwölf- bis Vierzehnjährigen sah Scharoun im Spannungsfeld zwischen Individualität und Gemeinschaft. Hier stand insbesondere die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit im Mittelpunkt, die durch eine blaue Farbgebung unterstützt werden sollte. Die angrenzenden Freiflächen waren im Gegensatz zu denen der Unterstufe nur teilweise geschlossen, sodass die Umgebung stärker miteinbezogen wurde. Die Gründe, warum es schlussendlich nicht zum Bau der Volksschule kam, sind nicht näher bekannt. Gleichwohl galt Scharouns Planung bereits seinerzeit als vorbildhafter Schulentwurf der Nachkriegszeit.

Abb. 6: In der gegliederten Schulanlage sollte jede Klassenstufe in einem eigenen, in sich geschlossenen Bereich untergebracht sein.

CAD-Modell der Volksschule, erstellt von: Matthias Michel / Florian Stuckenberg, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.

Schwarz - Mädchenschule.jpg

Mädchenschule mit Mädchenberufsschule

Rudolf Schwarz (1897-1961)

In der Nähe der Darmstädter Stadtkirche, auf den Ruinen des ehemaligen Pädagogs von 1629, sollte nach den Plänen von Rudolf Schwarz eine Mädchenschule mit angeschlossener Berufsschule entstehen. Diese sollten zwar in eigenständigen Bauten untergebracht, durch gemeinsam genutzte Räumlichkeiten jedoch miteinander verknüpft sein. Hierfür plante Schwarz eine mehrstöckige Hallenschule mit Freiluftplätzen, von denen einer als Blumenhof angelegt werden sollte. In den Längsflügeln sollten sich jeweils die Klassenräume der Mädchenschule sowie der Berufsschule befinden, im dazwischenliegenden Querflügel die gemeinsam genutzten Räume wie Zeichen- und Musiksaal. Ein gläserner Erschließungsgang sollte den Hauptbau mit dem wiederaufzubauenden Pädagog verbinden, in dem sich neben der Verwaltung auch ein Aufenthaltsraum sowie eine 

Modell einer Mädchenschule mit Mädchenberufsschule von Rudolf Schwarz.

Abb. 7: Die Ruinen des alten Pädagogs sollten in die Mädchenschule integriert werden.

Bibliothek befunden hätten. Der Erschließungsgang würde von hier aus weiter zur teils verglasten runden Gymnastikhalle sowie der Aula mit Pausenraum führen und diese mit dem Gesamtkomplex verbinden. Besonders die Berufsschule war auf eine praxisnahe Ausbildung ausgerichtet und sah neben Räumen für die Hauswirtschaft auch eine Waschküche, eine Kochschule sowie eine Werkstatt vor. Aufgrund finanzieller Engpässe wurde das Projekt nicht realisiert. Die später hier entstandene Eleonorenschule übernahm keine wesentlichen Elemente der ursprünglichen Planung.

CAD-Modell der Mädchenschule, erstellt von: Heidrun Rau / Fritz Göran Vöpel, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.

Volksschule mit Kindergarten

Otto Ernst Schweizer (1890-1965)

Für seinen Entwurf einer Volksschule mit Kindergarten im Stadtteil Eberstadt plante Otto Ernst Schweizer einen zweigeschossigen Schulbau, bei dem die unteren Klassenräume direkten Zugang zu den Freiflächen erhalten sollten. Der Kindergarten, der zugleich auch als Versammlungsort für die Stadtteilgemeinde vorgesehen war, wurde als eingeschossiger Bau entlang der Schmalseite des Grundstücks angeordnet und sollte durch einen Gang mit der Schule verbunden werden. Eine große Terrasse in Richtung Süden schaffte Nähe zur Natur. Ein Hof mit überdachter Pausenhalle sowie eine multifunktional nutzbare Turnhalle/Aula, die

Modell einer Volksschule mit Kindergarten von Otto Ernst Schweizer.

Abb. 8: Raumhohe Fenster sollten für Offenheit und einen optimalen Lichteinfall sorgen.

sich durch Faltwände vom Rest der Schule hätte abtrennen lassen, ergänzten den Entwurf. Insgesamt zeichnete sich die Planung Schweizers durch eine reduzierte, sachliche Formensprache aus, bei der die Belichtung der Klassenräume im Fokus stand. Hierfür war vorgesehen, die gesamte östliche Fassade der Klassenzimmer mit raumhohen Fenstern auszustatten. Der Entwurf Schweizers wurde schließlich verworfen. Stattdessen wurde hier zwischen 1958 und 1960 durch das städtische Hochbauamt sowie den Darmstädter Architekten Willi Schmidt die Ludwig-Schwamb-Schule errichtet.

CAD-Modell der Volksschule mit Kindergarten, erstellt von: Nikolas Maltzaris / Fritz Göran Vöpel, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.

bottom of page