
Kita Kinderwelt
Standort: Kittlerstraße 28
Baujahr: 1953, 1955/56, 1960
Architekt: Franz Schuster
Baustil: Nachkriegsmoderne
Die Kita Kinderwelt umfasst Krippe, Hort und Kindergarten. Entworfen vom österreichischen Architekten Franz Schuster, sollte sie zu einer modernen, offenen Bildungslandschaft beitragen. Dabei verfolgte Schuster, der bereits über Erfahrung im Bau von Kindertagesstätten verfügte und in Wien an der Einrichtung des ersten Montessori-Kindergartens beteiligt war, einen ganzheitlichen Ansatz, der die Kinder und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt.

Ein Bau in mehreren Etappen
Ursprünglich war die Kindertagesstätte im Martinsviertel für die Ecke Müllerstraße/Heinheimer Straße vorgesehen, in unmittelbarer Nähe zur Schillerschule. Dort sollte eine enge räumliche und funktionale Verbindung zwischen den beiden Einrichtungen entstehen. Aus finanziellen und städtebaulichen Gründen wurde der Entwurf jedoch grundlegend überarbeitet und schließlich an die Ecke Hohler Weg/Kittlerstraße verlegt. In diesem Zuge wurden nach Vorgabe des städtischen Magistrats die Räumlichkeiten im Vergleich zum Vorentwurf deutlich vergrößert, um die Aufnahmekapazität für die drei Gruppenbereiche Krippe, Hort und Kindergarten zu erhöhen.
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Abb. 1: Modell der Kindertagesstätte Kinderwelt

Abb. 2: Eingang zur Kinderwelt in der Kittlerstraße.
Schuster sagte seine Teilnahme am Meisterbauprojekt im April 1952 zu und plante für die Kindertagesstätte eingeschossige Pavillonbauten. Dabei sollten zunächst Kindergarten und Hort getrennt von der Krippe zusammen in einem Gebäude untergebracht werden. Da die Kosten hierfür jedoch zu hoch lagen, entschloss man sich zunächst nur den Hort umzusetzen, der im Juni 1954 fertiggestellt wurde. Im weiteren Verlauf genehmigte die Stadt die Gelder für den Bau des Kindergartens, der ab 1956 genutzt werden konnte. Zwei Jahre später folgte schließlich die Kinderkrippe, deren Rohbau im Dezember 1959 stand und die im Oktober 1960 eingeweiht wurde. Somit betrug die Bauzeit der Kinderwelt, von der Planung bis zur Fertigstellung aller Elemente, mehr als acht Jahre.
Die Gestaltung der Kinderwelt
Auf dem neuen Gelände in der Kittlerstraße entwickelte Schuster eine großzügig angelegte Anlage aus drei eingeschossigen, flachgedeckten Pavillons. Aufgrund der finanziellen Situation, die eine schrittweise Realisierung der einzelnen Abschnitte verlangte, wurde jeder Baukörper als abgeschlossenes Einzelobjekt geplant und einer Nutzungseinheit – Kindergarten, Hort und Kinderkrippe – zugeordnet. Nach Fertigstellung von Hort und Kindergarten wurden diese mit einem Zwischenbau miteinander verbunden. Um diese Gemeinschaftlichkeit zu unterstreichen, wurden Spielhof und Garten so angelegt, dass sie von beiden Stufen gleichermaßen genutzt werden können. Die im dritten Bauabschnitt umgesetzte Kinderkrippe befindet sich in einem eigenen Bau, abseits von Hort und Kindergarten.
Die Pavillons zeichnen sich durch die typischen Flachdächer aus, die bewusst weit über die Fassade hinausragen und von filigranen Stützen getragen werden. Besonders markant sind die großen, unterteilten Fenster an der Südseite des Hort- und Kindergartenbaus. Hier befinden sich die Gruppenräume mit Blick auf den Spielhof. Schuster hatte die Räume in einer späteren Anpassung trapezförmig angelegt, um die Fensterfront für den Blick nach draußen zu vergrößern und mehr Tageslicht ins Innere zu lassen. Die Räumlichkeiten an der Nordseite, darunter Wasch- und Umkleidebereiche sowie Personalräume, wurden hingegen verkleinert. 1987 wurde der Bau um zusätzliche Büroräume erweitert.

Abb. 3: Die Flachdächer mit filigranen Stützen sowie die großen Fenster sind bezeichnend für den Bau.
Architektur für das Kind

Die Kita weist eine klare, funktionale Gestaltung auf, bei der die Bedürfnisse der Kinder klar im Fokus stehen. So ermöglicht die eingeschossige Bauweise einen unmittelbaren Übergang vom Innen- in den Außenbereich und erleichtert zugleich die Orientierung innerhalb der Anlage. Die hell gestalteten Fassaden und großen Fensterfronten schaffen eine freundliche, offene Atmosphäre. Zudem öffnen sie den Blick nach draußen in die Natur, zu der die Kinder schon früh eine Beziehung aufbauen sollten. Großzügige Spielbereiche dienen zur freien Entfaltung der kindlichen Entwicklung.
Abb. 4: Großzügige Spielbereiche und der Blick in die Natur prägen die Räumlichkeiten an der Südseite.
„Die Zimmer sind hell, modern, mit viel Blumen auf den Fensterbänken, mit hübschen Eckbänken, freundlichen Gardinen, verschiedenfarbigen Tischplatten.“
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Mit der Kinderwelt verfolgte Franz Schuster ein ganzheitliches Konzept, bei dem die kindgerechte Gestaltung des Baus eine zentrale Rolle spielt. So entwickelte er ein umfassendes Farb- und Gestaltungskonzept, das innen wie außen auf eine helle Farbgebung setzt und für den Hort Möbel aus ungebleichtem Buchenholz vorsah. Darüber hinaus gestaltete er für den Spielhof des Kindergartens sechszehn Spielgeräte und setzte bei der weiteren Ausstattung auf natürliche Materialien. Die Architektur sollte nicht nur funktionale Anforderungen erfüllen, sondern auch das soziale Miteinander fördern und den Alltag der Kinder unterstützen. Dies spiegelt sich in zahlreichen Elementen wie den Waschräumen mit Terrazzo-Rundwaschbecken oder im gemeinschaftlich genutzten Garten mit Planschbecken wider. Schusters Ziel war es, eine eigene „‚kleine Welt der Kinder‘“ zu erschaffen, in der sie zu positiven Menschen heranwachsen können.

Abb. 5: Die gemeinschaftlichen Rundwaschbecken.

Abb. 6: Das Planschbecken im Außenbereich.


Franz Schuster
1892-1972
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Österreichischer Architekt
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Vertreter der klassischen Moderne und des „Neuen Bauens“ in Wien
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Fokus auf Funktionalität, Sachlichkeit, Alltagstauglichkeit
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Beeinflusst von der Wiener Werkbund-Bewegung
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Schwerpunkt: Wohn-, Bildungs- und Sozialbauten, Möbeldesign
Abb. 7: Franz Schuster.
Sanierung im Kontext des Denkmalschutzes
Die Kinderwelt wurde 2005/06 in mehreren Bauabschnitten umfassend saniert und an heutige Anforderungen angepasst. Dabei wurden zunächst die Krippe sowie anschließend Kindergarten und Hort instandgesetzt. Die umfangreichen Maßnahmen umfassten neben der Erneuerung und energetischen Optimierung sämtlicher Gebäudehüllen vor allem die Heizungs- und Sanitäranlagen sowie die gesamte Elektrotechnik mit Beleuchtung und Sicherheitstechnik. Im Inneren wurden die Gruppen- und Gemeinschaftsräume mit schallabsorbierenden Decken ausgestattet. Zudem erfolgte eine Erneuerung von Oberflächen, Bodenbelägen sowie Verfliesungen, wobei die Materialien und Farben dem historischen Vorbild entsprechen. Zudem blieben
„schöne Details wie Garderoben, Holzbänke, tiefe Fensterbretter, eine Glasbausteinwand oder die einzigartigen Rundwaschbecken aus Terrazzo […] erhalten.“ Die Außenanlage von Hort und Kindergarten wurde ebenfalls neugestaltet und teilweise repariert. Die umfassenden Sanierungsmaßnahmen erfolgten in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege.
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Abb. 8-18: Die umfassende Sanierung fand nach historischem Vorbild statt und die unter Denkmalschutz stehenden Gestaltungselemente wurden übernommen.
Im Direktvergleich der Außenfassade lässt sich die Sanierung nach historischem Vorbild klar erkennen. Trotz der vollständigen Erneuerung der Dachdeckung, Holzfenster sowie des Putzes, blieb die ursprüngliche Gestaltung des Baus bestehen.
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Abb.19: Historische Außenfassade der Kinderwelt.

Abb. 20: Die sanierte Kinderwelt heute.
Licht, Kamera, Action!
Das Nachfolgende Video ist ein CAD-Modell der Kita Kinderwelt. Entstanden ist das Video im Rahmen der Ausstellung „Architektur der fünfziger Jahre - Die Darmstädter Meisterbauten“, die vom 27.01. bis 01.03.1998 in der Kunsthalle Darmstadt stattfand. Urheberin ist die Technische Universität Darmstadt, FG Digitales Gestalten.
CAD-Modell der Kita Kinderwelt, erstellt von: Boris Kupke / Fritz Göran Vöpel, Studienarbeit am FG Digitales Gestalten, Technische Universität Darmstadt, 1997.
1: Erweitertes Paradies der Kinder, in: Darmstädter Tagblatt, 14.02.1956. StadtA DA, Best. 62, Nr. 20i Kinderwelt.
2: Zitiert nach: Herbig, Bärbel: Die Darmstädter Meisterbauten: ein Beitrag zur Architektur der 50er Jahre, Darmstadt 2000, S. 57.
3: Maxheimer, Sibylle: Der Meisterbau ist wieder kindgerecht, in: Darmstädter Echo, 14. November 2006. StadtA DA, Best. 62, Nr. 20i Kinderwelt.










